Edition Alpha et Omega

 

 

 

 

Das Zend-Avesta


Textauszug (Unbekannte Begriffe werden im Buch erläutert.)




Die Befreiung des Menschen durch den Tod

Der Tod ist von Ahriman durch die Sünde des ersten Menschen unter die Menschen gebracht worden. Er erlöst aber nunmehr den Parsen von seinem Streitdienst. Wenn er nur, so lang er lebte, treu war in seinem Dienst und durch Tilgung des Bösen gegen Ahriman und die Dews gekämpft hat, so hat er vom Tod nichts zu befürchten. Der Parse beschreibt den Tod als einen Gang über die Brücke zur Ruhe und Seligkeit für den Gerechten. Gleich beim Tode eilen Dews herbei und wollen sich der Seele bemächtigen. Ist sie aber gerecht und rein und hat sie sich im Leben Izeds des Himmels zu Freunden gemacht, so sind diese zu ihrem Schutz bereit. Die Seele des Gottlosen aber ist von allen verlassen, und da sie aus Ohnmacht sich selbst nicht helfen kann, so wird sie ein Raub der Dews. Einige Tage nach dem Abschied aus diesem Leben kommt die Seele vor die große Brücke Tschinevad, die Scheidewand zwischen dieser und der anderen Welt. Hier untersucht der große Richter aller Menschen und Taten, Ormuzd, zusammen mit Bahman, die Güte oder Nichtgüte des Lebens eines Menschen. Nach dem Urteilsspruch Ormuzds ist der Mittelaufenthalt der Seele bis zur Auferstehung mehr oder weniger selig oder Unseligkeit und voller Angst. Spricht Ormuzd Lob und Preis über sein Leben, so wird er von heiligen Izeds über die Brücke in ein Land der Freuden geführt und wartet auf die fröhliche Auferstehung. Andernfalls kann er nicht über die Brücke und muss an den Ort, den seine Taten verdienen.

Endlich kommt die Auferstehung der Toten, wovon die Parsen mit empfindungsvollen Beteuerungen reden. Gute und Böse sollen auferstehen. Erde und Flüsse sollen die Gebeine der Menschen wieder herausgeben. Ormuzd will sie zusammensetzen und mit Fleisch und Adern überziehen und neu beleben. Gute sollen sich zu Guten und Böse zu Bösen gesellen. Darauf soll nach dem Zend-Avesta die ganze Natur so erneuert werden, wie der Mensch an Leib und Seele. Das ist noch nicht das Ende. Es folgen nach einem von der anbeginnlosen Zeit festgesetzten Ratschluss erst noch neue Versuche, dem Sünder Gorotmans Tore aufzuschließen. Wenn die Verdammten durch unterirdische Strafen im Abgrund gedemütigt und geläutert worden sind, so müssen sie durch Feuerströme geschmolzenen Metalls, wo sie die letzte Reinigung erfahren. Danach genießen sie mit den Gerechten eine endlose Seligkeit. Die ganze Natur ist nun, was sie sein soll, Licht. Selbst den Abgrund gibt es nicht mehr, die Hölle wird nun zum Paradies. Ahrimans Reich ist zertrümmert, und Ormuzds Reich allein ist alles in allem. Ormuzds Gesetz ist allein im ganzen Weltall herrschend, ist einziges Element, worin alle Geschöpfe aller Stufen und Arten leben und weben. Ormuzd, im Gefolge von sieben Izeds des ersten Ranges und Ahriman, von sieben der Ersten seines Reichs, die vormals Dews waren begleitet, bringen zugleich dem Ur- und Allwesen, der unbegrenzten Zeit, ein Opfer des ewigen Lobes. Damit erfüllt sich der Lauf aller Dinge.

Dies ist das Religionssystem der Ormuzddiener. Hoch und kühn ist sein Schwung und tief der Zusammenhang. Der Geist des Stifters drückt sich darin noch aus in seiner so sehr gepriesenen Größe. Seine Nachfolger sind diesem Glaubenssystem unter allen Erschütterungen mit Unveränderlichkeit bis heute treu geblieben. Sie sind dies, wie viele Gläubige an den heiligen Namen eines alten Gesetzgebers und seine Weisheitslehren, oft aber bloß in Ansehung der Worte und äußerlichen Einkleidung seiner Lehren, obgleich sie die Worte nicht immer mehr verstanden und den Geist und Sinn ihres Stifters zum Teil bereits verloren haben. So begreifen unter den Desturs der Parsen nur sehr wenige die innere Harmonie ihres alten Systems, dichten ihm allegorischen Sinn an, nach dem allgemeinen Hang des menschlichen Geistes, nicht bloß der Morgenländer, ein altes heiliges Denkmal zu verändern, in welcher Form auch immer, sobald sie für die natürliche Schönheit und innere Güte nicht mehr Auge und Sinn haben. Gesetzeseifer kann man den Gelehrten der Parsen jetzt gar nicht absprechen. Er ist oft brennend genug. Sie stürben, ehe sie die Buchstaben des Gesetzes verloren gehen ließen, und das ist gut. Nur entzündet sich ihr Eifer eben nicht für den Geist ihres Gesetzes, sondern vielmehr für einzelne Worte, einzelne Zeremonien, wodurch oft blutige Kriege unter ihren Sekten entstehen. Gegenüber dem Geist der Grundlehren aber bleiben die meisten in träger Ruhe.

Nach diesem System bestimmt sich nun der Religionsdienst der Parsen, sowohl an sich, ohne alle Rücksicht auf bürgerliche Verhältnisse, als auch in Beziehung auf die bürgerliche Gesellschaft. Alles, was der Parse von Gebräuchen, Zeremonien und Pflichten zu beachten hat, findet Zweck und Deutung in den Lehren seines Glaubens.

 

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